Rotation Curation als Social Media-Strategie: Den eigenen Mitgliedern das Wort erteilen

Social Media-Auftritte sind heutzutage streng reguliert: Posts und Content sind bereits mittelfristig im Voraus geplant, die Accounts werden von ausgebildeten Profis betreut und Sprache und Inhalte richten sich präzise an den organisationalen Richtlinien aus.


Auch wenn viel Herzblut in den Social Media-Maßnahmen liegt, kann die Professionalisierung der Auftritte mitunter etwas zu glatt und eintönig wirken. Oder aber es sind gar nicht genügend Kapazitäten für die Accounts da. Organisationen, die für Abwechslung, neue Perspektiven und Authentizität sorgen wollen, sollten sich das Prinzip der „Rotation Curation“ mal näher anschauen: Hierbei übernehmen die eigenen MitarbeiterInnen und VolontärInnen im wöchentlichen Wechsel einen Account der Organisation auf Twitter, Facebook, Instagram oder anderen Plattformen. Dort können sie als KuratorInnen „frei Schnauze“ aus ihrem Alltag plaudern und aus erster Hand erzählen, was sie zurzeit alles beschäftigt, umtreibt, motiviert oder nervt.

Sprachrohr für alle: So funktioniert Rotation Curation

Wie viele gute Ideen des digitalen Zeitalters, stammt auch das Konzept der Rotation Curation aus Skandinavien. Die Tourismusbehörde von Schweden hatte die Idee einen Twitter-Account unter dem Motto „I_am_Sweden“ jede Woche für eine neue EinwohnerIn des Landes freizugeben. Das Ziel war und ist es gängige Klischees über Schweden aufzubrechen und bunte Alltagseindrücke aus einem Land zu schildern, das so viel mehr zu bieten hat als IKEA, Köttbullar und Elche.



Susie @sweden Twitter Library

„I am Sweden“: Mit dieser Kampagne wurde die Idee der Rotation Curation geboren – und UserInnen können das Land aus neuen, persönlichen Perspektiven kennenlernen


Jede KuratorIn kann eine Woche lang individuelle Eindrücke, Gedanken und Gefühle über ihr Land aus der ganz eigenen Sichtweise berichten. Dabei sind keine Themen vorgegeben: Von Frühstücksempfehlungen über kleine Kuriositäten des Alltags, bis hin zu Kommentaren über Außen- oder Rentenpolitik ist alles erlaubt und ausdrücklich erwünscht. Lediglich gewisse Richtlinien gegen Beleidigung und Diskriminierung müssen eingehalten werden – kein Eingriff in die Redefreiheit der SchreiberInnen. sondern nur gesunder Menschenverstand.



Susie @sweden Twitter brain tumor

Rotation Curation im Fundraising: Bei „I am Sweden“ wurde unter dem Hashtag #SavingLinnea erfolgreich Unterstützung für die Operation der kleinen Linnea eingeworben


Auch für soziale Zwecke ist der Account durchaus offen: Viele Schweden und Nicht-Schweden kamen dem Spendenaufruf für die komplizierte Gehirn-OP eines jungen Mädchens nach und sendeten zudem empathische Kommentare und Unterstützung.


Rotation Curation ist also sehr vielseitig einsetzbar. Die Methode sorgt nicht nur für Abwechslung, indem sie die Bandbreite an subjektiven Eindrücken vermehrt, sondern bricht auch Filterblasen und einseitige Berichterstattung auf, da völlig verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten zu Wort kommen und gehört werden.


In der freien Wirtschaft ist das Konzept schon erfolgreich adaptiert worden: Der Mobilfunkkonzern Vodafone lies auf dem hauseigenen Account einige MitarbeiterInnen durchrotieren. Bis auf ein kurzes Briefing, das als eine Art Einweisung zu Beginn verpflichtend war, konnten die Angestellten aus verschiedensten Betriebsbereichen frei ihre Meinung zu Geschehnissen in- und außerhalb des Unternehmens kundtun. Und auch die Kunstwelt entdeckte das Prinzip der Rotation Curation schnell für sich. Für Blogger und Medienschaffende ist es eine ideale Variante um sich zu vernetzen und gemeinsam Aufmerksamkeit zu generieren.



99fotografen Twitter account

Große Resonanz: Knapp zwei Jahre lang teilten 99 FotografInnen im wöchentlichen Wechsel ihre aktuellen Schnappschüsse und Lieblingsbilder


Bei der Social Media-Aktion „99 Fotografen“ des Münchners Johannes Mairhofer beteiligten sich zahlreiche KünstlerInnen aus ganz Deutschland und schafften visuell eindringliche Perspektiven auf das alltägliche Leben. Netter Nebeneffekt: Die TeilnehmerInnen konnten die Aufmerksamkeit auch auf das eigene Portfolio lenken und kreative Werbung in eigener Sache betreiben.


Währenddessen hängt die Fundraising-Branche noch ein wenig hinterher. Obwohl die Anwendungsmöglichkeiten von Rotation Curation geradezu ideal auf die Arbeit von sozialen Organisationen zugeschnitten sind, haben sich hier bisher kaum Fundraiser dieser Methode bedient. Dabei wäre es ein leichtes, MitarbeiterInnen und VolontärInnen aus erster Hand von aktuell laufenden Projekten, wie zum Beispiel dem Fortschritt beim Bau eines Brunnens, berichten zu lassen. Die Arbeit der Organisationen lebt schließlich von den Menschen, die sich mit Leidenschaft und Überzeugung für Veränderung einsetzen. Sie alle haben mit Sicherheit interessante und authentische Geschichten zu erzählen, aus einzigartiger und ungewöhnlicher Perspektive. Rotation Curation könnte das richtige Mittel sein, um ihren Überzeugungen, Wünschen, Erfolgen und Rückschlägen Gehör zu verleihen.


Chancen und Risiken der Methode

Zusammenfassend betrachtet, bietet Rotation Curation eine Menge Chancen für Organisationen: Es werden neuartige Blickwinkel generiert, die die laufenden Projekte greifbarer und authentischer machen. Zudem können die MitarbeiterInnen sich durch die Accountbetreuung selbst besser mit dem eigenen Unternehmen identifizieren und bauen durch den Vertrauensvorschuss und die Wertschätzung eine stärkere Bindung auf. Auch die FollowerInnen können sich leichter mit der Organisation verbinden, da diese nahbarer und menschlicher in direkte Kommunikation treten kann. Nicht zu vergessen sind auch die Möglichkeiten zur Employer-Werbung: Durch Rotation Curation steigt die Attraktivität des Arbeitgebers, da sich Bewerber ein realistisches Bild von den Arbeitsbedingungen machen können und wertvolle Einblicke in den Alltag erhalten, zum Beispiel durch einen Post über die Essensmöglichkeiten, Kinderbetreuung oder Freizeitoptionen in der Mittagspause.


Allerdings gibt es auch bei dieser Methode gewisse Risiken, die es zu betrachten gilt: Durch fehlgeleitete Rotation Curation können FollowerInnen auch abgeschreckt werden. Zu viele triviale Posts über Frühstücksgewohnheiten und After-Work-Drinks senken den Informationsgehalt und lenken von den wichtigen und interessanten Themen ab. Zudem ist nicht jede MitarbeiterIn affin für soziale Medien oder besitzt die notwendigen Fähigkeiten, um die Posts und Nachrichten interessant und anschaulich zu gestalten. Deshalb sollten die KuratorInnen in der Lage sein, die Werte der Organisation nach außen zu transportieren und über die spezifischen Themengebiete Bescheid wissen, die für die soziale Arbeit relevant sind. Andernfalls richtet man durch ein verwässertes Profil und ein verzerrtes Bild der eigenen Organisation mehr Schaden als Nutzen an.


Somit ist es wichtig zunächst sicherzustellen, dass keine Vermischung der diversen Accounts stattfindet, sondern ein klar erkennbares, eigenes Profil für die Curation Rotation angelegt wird. Anschließend ist es sinnvoll, die angehenden KuratorInnen zunächst einem kurzen Briefing oder einer Social Media-Schulung zu unterziehen. Dabei geht es nicht darum sie zu gängeln, sondern um die Vermittlung der nötigen Skills: Authentische Posts entstehen vor allem durch den Einsatz einer individuellen eigenen „Stimme“, die den Humor und die Persönlichkeit der Person widerspiegelt – oft muss man die MitarbeiterInnen hierzu erst ein bisschen motivieren und anleiten. Zudem sollte man die KuratorInnen anhalten, aktiv mit der eigenen Community in Kontakt zu treten, Umfragen zu starten, auf Fragen zu antworten und bei Kommentaren zeitnah zu reagieren.


Dabei geht es nicht um Perfektion und PR-typische Glattheit. Rotation Curation lebt von seiner Echtheit und Individualität, welche auch durch suboptimale Posts und nerdige Beiträge entsteht. Eine akzeptierende Fehlerkultur und weitläufige Redefreiheit sollten deshalb immer im Zentrum der Maßnahme stehen.